Im Takt des Geldes


Tanzen wir im Takt des Geldes?

Die Hektik in den Grossstädten lässt dies vermuten. Dass Geld unser Taktempfinden beeinflussen und formen soll, ist für viele ein abwegiger Gedanke. Deshalb der Reihe nach: wie und wann ist das moderne Geld entstanden? Und wie hat man dies festgestellt? Die Zeitungen berichteten kaum  von dieser Erneuerung, kein Dekret der Regierung brauchte es dazu. Wir verfolgen den Wandel auf den Handelsmärkten nach 1500 und stellen fest: Ein Schlüsselbereich ist die Änderung im Rhythmusempfinden Anfang des 17. Jahrhunderts. Hat der Handel den neuen Rythmus gebracht?

Die europäische Welt erlebt zu Beginn des 16. Jahrhunderts einen gewaltigen Wandel. Lebhafte Märkte entstehen und schliessen sich zum ersten Mal in der Geschichte zu einem einzigen, länderübergreifenden Markt zusammen. Es ist die Geburt der Marktwirtschaft. Geld wird allgegenwärtig. Darauf gründet sich der Kapitalismus, es ist die Genese des modernen Geldes. Dies beeinflusst unser Bewusstsein und unsere Rhythmuswahrnehmung. Doch worauf gründen das neue Bewusstsein und der neue Rhythmus? Es ist – das Geld. So lautet die These von Eske Bockelmann.

Aber schauen Sie selbst ...

Ein neues Bewusstsein entsteht

Lissabon, Antwerpen oder Venedig: Auf den Märkten im Europa des 16. Jahrhunderts ist was los. Vorbei ist die Zeit der kleinen Pfennige, grosse Silbertaler werden geprägt. Denn gross ist der Wandel, den die europäische Welt jetzt durchlebt. Eine Welt, die bis anhin vor allem ländlich war, sieht nun Städte an Bedeutung gewinnen. Lebhafte Märkte entstehen – und das heisst jetzt mehr, als dass Märkte abgehalten werden, wo die Leute zusammenkommen, handeln und verhandeln, ihre Waren zusammentragen und sie einander verkaufen. Diese Märkte und viele andere Gelegenheiten, wo es etwas zu kaufen gibt – jetzt schliessen sie sich zum ersten Mal zu einem Markt zusammen.

Sie werden Teil eines landübergreifenden Marktgeschehens: Jetzt, in dieser Zeit erst, entsteht das, was wir als Marktwirtschaft kennen. Und plötzlich ist das Geld allgegenwärtig. Markt und Handel fordern seinen ständigen Gebrauch. Dinge des täglichen Bedarfs gibt es mehr und mehr nur noch gegen Geld. Man muss sie jetzt kaufen und bekommt sie auf keine andere Weise mehr als für Geld. Also braucht auch jeder allenthalben Geld, um sie kaufen zu können. Und mit der Vielzahl der Gelegenheiten, bei denen jetzt Geld gebraucht wird, damit man etwas bekommt, wächst auch die Vielzahl der Dinge, die es mit einem Mal zu kaufen gibt.

Jetzt erst beginnt die Versorgung mit Gütern hauptsächlich über Geld zu erfolgen. Jetzt erst beginnt das Geld die Gesellschaft so zu durchdringen, wie wir es heute kennen – nur dass dies heute natürlich noch sehr viel weiter gediehen ist als in jenen frühen Zeiten. Doch schon diese frühen Zeiten bedeuten für das damalige Europa eine ungeheure Umwälzung. Die Menschen befreien sich aus der bis dahin herrschenden Ordnung – oder anders gesagt: Sie fallen aus einer nunmehr vergehenden Ordnung heraus. Die Einheit der Kirche zerbricht. Eine tiefe Krise erfasst die Gemeinschaft. Einhundert Jahre Bürgerkrieg sind die Folge. Und mit diesem grundstürzenden Wandel musste sich auch das Denken grundsätzlich verändern. Es entsteht ein neues Bewusstsein.

Wie lässt sich das feststellen? Wie können wir das erkennen?

Silbertaler von Zürich

Silbertaler von Zürich

Die Entdeckung Eske Bockelmanns

In seinen Forschungen hat Eske Bockelmann eine erstaunliche Entdeckung gemacht: Die moderne Rolle des Geldes wirkt sich aus bis in einen Bereich, in dem wir völlig unwillkürlich reagieren, nämlich bis hinein in die Rhythmuswahrnehmung. Das moderne Geld bestimmt darüber, was wir als Rhythmus wahrnehmen. Zwischen Geld und unserem Rhythmus besteht ein fester und tiefer Zusammenhang.

Zu den grossen Veränderungen, die sich im Europa des 16. Jahrhunderts vollziehen, gehört auch das Aufkommen einer völlig neuen Rhythmuswahrnehmung. Es ist derjenige Rhythmus, den wir heute ganz selbstverständlich und ganz natürlich als rhythmisch empfinden: Taktrhythmus.

Dieser Taktrhythmus hat seinen Ursprung darin, dass wir alltäglich mit Geld umgehen müssen – also etwas, das für die Menschen im Europa des 16. Jahrhunderts historisch zum ersten Mal Wirklichkeit wurde. Aber was heisst das, Taktrhythmus?

Das Meiste, was wir hören, empfinden wir nicht als rhythmisch. Es ruft in uns nicht die Empfindung hervor, dass da etwas rhythmisch wäre  … Rhythmus ist es aber, wenn Folgendes auftritt:

1. Es gibt eine Art Schlag, der allem zugrunde liegt.

2. Dieser Schlag gibt Einheiten gleicher Dauer vor.

3. Diese Einheiten bilden immer Gruppen von zweien; oder aber Gruppen von Potenzen der Zwei.

Was das wirklich bedeutet, merken wir erst, wenn wir dieser Logik einmal nicht folgen. Eine Fünfer-Gruppe beispielsweise zu erfassen, fällt uns schwer; sie ist für uns irgendwie nicht «natürlich» und geht uns nicht richtig ins Ohr. Die Töne sind die gleichen, aber ob etwas für uns rhythmisch klingt, darüber entscheidet offenbar nicht der Klang per se, sondern darüber entscheidet etwas – in uns, eine Art Reflex in unserer Wahrnehmung.

«So war es schon immer und so wird es immer sein – davon sind wir fest überzeugt.» Aber genau hier wird die Sache interessant. Denn dieser Glaube täuscht. Erst gegen Ende des 16. Jahrhunderts beginnen die Menschen das Gleiche als rhythmisch zu empfinden, was auch für uns heute rhythmisch ist: Taktrhythmus. Vorher haben die Menschen natürlich auch Rhythmus empfunden, aber der gehorchte zu allen Zeiten einer ganz anderen Rhythmik: einer, die sich ganz und gar nicht nach den Gesetzmässigkeiten des Taktrhythmus richtete.

Ursprung des Taktrhythmus


Fassen wir also zusammen:

• Taktrhythmus, also unseren Rhythmus, hat es nicht schon immer gegeben, sondern er entsteht erst historisch. Er ist also historisch bedingt.
• Diese historischen Bedingungen haben sich damals im 16. Jahrhundert zum ersten Mal ergeben, aber sie gelten seit damals bis heute.
• Der Taktrhythmus wird durch einen unwillkürlichen Reflex in uns bewirkt.

Dieser Reflex wird durch historische Bedingungen in uns Menschen hervorgerufen. Und das ist doch etwas sehr Erstaunliches: ein Reflex, der historisch bedingt wird. Genaue Überlegung führt dazu, dass es das Geld sein muss, das jenen Reflex in uns hervorruft. Geld als die Alltäglichkeit, die es für die Menschen im 16. Jahrhundert erst zu werden beginnt.

Aber was ist das Alltägliche am Geld? Dass wir etwas damit kaufen – dass etwas etwas kostet. Wir verbinden Geld und Ware, indem wir auf beiden Seiten eine entsprechende Werteinheit ansetzen. Die Einheit Wert auf der einen Seite entspricht der Einheit Wert auf der anderen Seite. Wir müssen diese seltsame Verbindung zwischen Ware und Geld in unserem Denken knüpfen, sie hinzudenken.  

Das ist aber genau das, was wir als den taktrhythmischen Reflex in uns festgestellt hatten. Wir bilden jeweils gleichwertige Einheiten und verbinden immer genau zwei davon zu einer Gruppe. Am Geld übt unser Denken unbemerkt also genau die Leistung ein, die es hier auch beim Rhythmus anwendet.

Denkleistung und Rhythmus


Aber weshalb fühlt sich diese unwillkürliche Denkleistung beim Rhythmus, in unserer Rhythmuswahrnehmung, so sehr zu Hause?

Beim Takthören bilden wir Einheiten, genauer Zeiteinheiten, und verbinden sie dort zu Gruppen. Wir nehmen dabei nicht die Töne als diese Einheiten wahr, sondern die Abstände der Taktschläge. 

Die Bindung von Wert an Ware kennt keine Beschränkung. Unsere Denkleistung kennt deshalb keine Beschränkung darin, diese Einheit «Wert» an Dinge oder Gedanken irgendwelcher Art zu heften. Diese Leistung kann also gar nicht anders als über den Bereich des Kaufens und Verkaufens hinausschiessen. Nur eines davon ist unsere Rhythmuswahrnehmung.

Geld durchdringt die Welt

Geld durchherrscht die Welt. Wir kennen unzählige seiner sichtbaren Folgen: vom Reichtum, den es so manchem bringt, der Ölkatastrophe, weil es zu teuer wäre, eine Bohrplattform richtig zu warten, bis zum gefährlichen Klimawandel, weil die Wirtschaft funktionieren muss. Wir müssen uns klar darüber sein, wie weit die unsichtbaren Folgen des Geldes reichen. Der Rhythmus ist ein Gebiet, das uns die Tiefe dieser Wirkung zeigt.

Auch heute – nach 500 Jahren europäischer Geschichte – finden wir uns in einer umfassenden Krise wieder. Die Finanzkrise 2008: eine Krise, die sich das Geld selbst bereitet. Oder Krisen der Wirtschaft, wie im 2020, die ebenfalls zu Krisen des Geldes geworden sind. Das Geld funktioniert zwar weiter, als wäre nichts geschehen, und wenn es an die«systemrelevanten» Belange geht, da bieten Staaten all ihre Macht auf, damit es dabei bleibt. Eine grosse, eine sehr grosse Macht. Doch was, wenn sie eines Tages nicht mehr ausreicht?